![]() Johann Heinrich Pestalozzi 1746-1827 Georg Kerschensteiner 1854-1932 |
Die ursprüngliche Idee der Gartenarbeitsschulen ist verschiedenen Wurzeln entsprungen. Sie war die Konsequenz 1. aus Pestalozzis Erneuerung der deutschen Pädagogik; 2. der Forderung nach einer sozialen Pädagogik, wie sie z.B. Fröbel und Gaudig, Natorp und Kerschensteiner - Erziehung in und zur Gemeinschaft - vertraten; 3. aus Vorstellung einer Wandlung der reinen Buchschule zu einer Arbeits- und Lebensschule (Oestreich) Zwischen Lehrern und Schülern und Schülerinnen sollte ein anderes Verhältnis entstehen. Anstelle von "nur gehorchen oder nur befehlen" sollte ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. |
![]() Friedrich Fröbel 1782-1852 ![]() Paul Natorp 1854-1924 |
![]() Friedrich der Große 1712-1786 |
Die Reformpädagogik bildete in den 20er Jahren die bildungspolitische Grundlage für die ganzheitliche Bildung der Schülerpersönlichkeit durch praktische Arbeit im Schülergarten. Der Prediger und Schulinspektor Johann Julius Hecker (1707-1768) gründete 1749 den ersten Schulgarten in Berlin. Naturkunde mehr zu praktizieren als wie zu lehren, um damit die Schule mit der Arbeitswelt zu verbinden. Um diese Idee zu verwirklichen benötigte man einen neuen Schulzweig, der sich fortan Realschule nannte. Die Realschule begünstigte in der Folge die Realisierung eines Schulgartens, ein Projekt mit außerordentlicher Bedeutung. Hecker suchte König Friedrich den Grossen (1712-1786) auf und es gelang ihm, seine Zusage zu erhalten, nachdem er dem König versprach, Maulbeerplantagen für die Seidenproduktion anzulegen. Auf dem Gelände des heutigen Potsdamer Platzes, zäunte man ein Stück Brachland ein, welches fortan nun als Schulgarten diente. Die volkswirtschaftliche Zeitung 'Leipziger Sammlungen' berichtete 1750, man "...habe ganz besondere Anstalt zum lebendigen Unterricht in Plantagen-Sachen gemacht. Denn man habe ein Stück Acker gegen Erbpacht acquiriret, und läßt der Jugend in Recreationsstunden in der That selbst zeigen was bey dem Anlegen von Hecken, dem Säen, Pflanzen, Pfropfen, Oculieren etc. und sonderlich der Wartung und Pflanzung der Maulbeer-Bäume zum Seidenbau in Acht zu nehmen." Der Botaniker Johann Gottlieb Gleditsch stellte nach Heckers Tod eine Inventarliste des Schulgartens auf und fand neben mehreren Treibhäusern und Mistbeeten eine kleine Orangerie mit Ananas, Cypressen, Lorbeeren, Myrthen, Granaten, Aloe, Pisang, sogar Agaven und Kaffeebäume vor. |
![]() Julius Hecker 1707-1768 ![]() Gottlieb Gleditsch 1714-1786 |
![]() August Heyn 1879-1959 |
Die eigentliche Umsetzung der Gartenarbeitsschul-Idee in der Praxis ist eng mit dem Namen August Heyn verbunden. Das Konzept von August Heyn umfasste aber nicht ausschließlich pädagogische Überlegungen, sondern darüber hinaus wollte er den Kindern Großstadtstraßen, dunkle Hinterhöfe und Verwahrlosung ersparen und darüber hinaus der katastrophalen Ernährungslage entgegenwirken. Nach Ende des 1. Weltkrieges bemühte sich August Heyn mit Hilfe entschiedener Schulreformer seine Ideen umzusetzen. Am 22.12.1919 wurde vom Magistrat an sechs Volksschulen die Einführung der neuen Schulart nach den Vorstellungen von August Heyn beschlossen, der auch mit deren Organisation, Planung und Leitung beauftragt wurde. Sie wurde am 01.04.1920 eröffnet. Das 40.000 qm große Areal am Teltowkanal war damit nicht nur die erste Gartenarbeitsschule in Neukölln, sondern ein Novum für Berlin und ganz Deutschland. Das Konzept - Lernen unter Einsatz aller Sinne -Erziehung in und für die Gemeinschaft -Reform der reinen Buchschule zu einer Arbeits- und Lebensschule -Schaffung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Schülern und Lehrern wurde richtungsweisend Vorbild über Berlin hinaus. 1924 gab es allein in Neukölln sechs Gartenarbeitsschulen. |
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Gerade einmal fünf Gartenarbeitsschulen überlebten den 2. Werltkrieg und dienten wie schon nach dem 1. Weltkrieg zuvor als Liefergärten für frisches Gemüse. Als in der Westzone (Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin) das Wirtschaftswunder begann und in der Sowjetisch besetzten Zone (DDR und Ost-Berlin) ein sozoialistisches Gesellschaftssystem einzog, ging auch die Schulgartenbewegung unterschiedliche Wege. In West-Berlin wurden weitere Gartenarbeitsschulen eingerichtet. Wissenschaft und Naturkunde, bzw. Biologie waren nun die Vorgaben für die neuen Lehrpläne. Die alten verbliebenen Gartenarbeitsschulen indessen fristeten immer mehr ein Schattendasein und fielen am Ende dem steigenden Bedarf an Bauland zum Opfer. Die einsetzende Ökologie-Bewegung gegen Ende der 70er Jahre verschaffte dem umweltorientierten und freilandbiologischen Unterricht sowie der reformpädagogischen Gartenarbeit wieder Geltung und August Heyns Arbeitsschulgedanke lebte wieder auf. In der DDR integrierte man 1959 die Schulgartenarbeit in den Heimatkunde- und Biologieunterricht, was später dann zu einem selbstständigen Fach mit eigenem Lehrplan, eigenen Lehrbüchern sowie speziell ausgebildeten Schulgartenlehrern wurde. In erster Linie ging es darum, dass sozialistische Gemeinschaftsbewusstsein zu fördern und darüberhinaus auch der landwirtschaftlichen Arbeit Rechnung zu tragen. Eine nicht unwichtige Rolle spielte auch der Faktor Produktion. Jede Schulklasse besaß eigene Beete, dessen Erntegut teils an die Schüler verschenkt, der Schulspeisung zugeführt oder verkauft wurde. Da strikt nach Produktionsgesichtpunkten angebaut wurde, fanden ökologische Gesichts punkte keine Berücksichtigung. |
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Nach der Wiedervereinigung und dem Fall der Mauer brach die Schulgartenarbeit als reguläres Unterrichtsfach sowie im Westteil als auch im Ostteil weg. Ab 1992 ist sie Bestandteil des Sachunterrichts, die Umsetzung verlangt seitdem das persönliche Engagement des jeweiligen Lehrers oder Lehrerin und die Unterstützung außerschulischer Förderer. In Berlin existieren heute noch 12 Gartenarbeitsschulen, die im Rahmen der Interessengemeinschaft der Berliner Gartenarbeitsschulen (IGAS) zusammenarbeiten. Darüber hinaus gibt es noch ca.300 Schulgärten. Jede Gartenarbeitsschule entwickelt eigene Konzepte, die sich an der Ausstattung und den Zielgruppen orientiert. Kinder aller sozialen Schichten und Schulformen haben die Möglichkeit, die Angebote in ihrem Unterricht einzubauen. Von der Kindertagesstätte bis hin zum Gymnasium bieten Gartenarbeitsschulen Lehrern und Lehrerinnen Fortbildungen an und dienen Teilnehmern des Freiwilligen Ökologischen Jahres (FÖJ) als Einsatzstelle. |
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![]() Anna Siemsen 1882-1951 ![]() Fritz Karsen 1885-1951 |
Wer war eigentlich August Heyn (18.01.1879 - 13.12.1959)? August Heyn wurde am 18.Januar 1879 in Reetz in der Neumark, Kreis Arnswalde (heute Polen geboren. Nach seiner Lehrerausbildung in Friedeberg trat er 1899 in den öffentlichen Schuldienst ein. Er wurde im Vorstand des Neuköllner Lehrervereins tätig, der 1914 seine Forderung unterstützte, Öd- und Bauland mit Jungen und Mädchen gärtnerisch zu bearbeiten. Damit wollte er dem Hunger in den Kriegsjahren begegnen und auf diese Weise die Jugend von der Straße holen. Im Frühjahr 1915 war es dann soweit, auf 10 Morgen (25000 Quadratmeter) richtete er die sogenannten "Kriegskolonien" oder "Schulkolonien" ein, welche 1916 der Schulverwaltung unterstellt wurden. Noch 1918 wurde August Heyn in den Krieg eingezogen, aus dem er gegen Ende desselben Jahres unversehrt zurückkam. Wieder im Schuldienst musste er feststellen, dass die Schulverwaltung erst einmal andere Sorgen und das Interesse an den "Schulkolonien" zunächst verloren hatte. Dies hielt August Heyn jedoch nicht von der Wiederbelebung seiner Idee ab. Er wurde Mitglied im Bund entschiedener Schulreformer, zu denen u.a. auch Fritz Karsen und Anna Siemsen gehörten. Als SPD-Abgeordneter der Neuköllner Stadtverordnetenversammlung forderte er leidenschaftlich die Einrichtung einer Gartenarbeitsschule. Der damalige Stadtschulrat Dr. Artur Buchenau, der spätere Begründer der Neuköllner Volkshochschule, wurde zum intellektuellen Kopf der Reformidee um August Heyn. Er setzte am 23.Dezember 1919 im Magistrat einen Beschluss durch, eine Gartenarbeitsschule einzurichten. Das Bezirksparlament beschloss am 31.März 1920 die Eröffnung zum 1.April 1920. Das war somit die Geburtsstunde der ersten Gartenarbeitsschule in Neukölln. ![]() |
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![]() Dr.Artur Buchenau |
Dr.Artur Buchenau setzte August Heyn als ersten Leiter ein. Er wird beauftragt, die Schule nach seinen Vorstellungen zu führen. Trotz heftigen Widerstandes durch das Bezirksparlament wurde August Heyn zum Rektor der 5. Gemeindeschule im Mariendorfer Weg 69-73 ernannt, der er als Leiter der Gartenarbeitsschule zugeordnet war. 1921 erschien in Breslau sein Buch "Die Gartenarbeitsschule", eine der bedeutensden Veröffentlichungen aus der Zeit der Reformpädagogik. Er beschrieb ausführlich, was an dieser Art des Unterrichts neu war: So verbrachten die Schüler z.B. zehn Stunden pro Woche in der Gartenarbeitsschule. An zwei Vormittagen mit jeweils fünf Stunden wurden vier Stunden Naturkunde, zwei Stunden Raumlehre sowie vier Stunden Turnen und Spiel abgehalten. Darüber hinaus fanden auch Fächer wie Physik, Chemie, Mineralogie und Geometrie statt. Durch die Lage am Teltowkanal konnte man das Wirtschaftsleben auf dem Wasser beobachten und durch Gespräche mit Schiffern von deren Lebenswelt und Nöten erfahren.
Heute würde man das fächerübergreifenden Unterricht nennen. In den "Frankfurter Leitsätzen" formulierte August Heyn seine übergeordneten Ziele: - Gleichberechtigte Anerkennung körperlicher und geistiger Arbeit; - Überbrückung der Kluft zwischen Stadt und Land; - Richtige Berufswahl der Kinder; - Stärkung des Schönheitsgefühls, der Natur- und Heimatliebe, sowie der Vaterlands- und Menschenliebe. Diese Begriffe wurden teilweise während des Nationalsozialismus schrecklich pervertiert. |
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August Heyn ging es um die Erziehung durch praktischen Unterricht in Gemeinschaften zu gesunden, schaffenden, sozial denkenden, fühlenden und handelnden Menschen. Er sagt: "Wir brauchen Menschen mit sozialem Empfinden" Neben seiner intensiven Arbeit hielt August Heyn Vorträge zum Thema Gartenarbeitsschulen, schrieb Artikel und hatte Einfluss dabei, dass auch in den anderen Bezirken wie z.B. Wilmersdorf und Schöneberg ähnliche Einrichtungen entstehen. In Neukölln entstanden insgesamt sieben weitere Gartenarbeitsschulen: 1.Januar 1922 in Britz, Chausseestraße 136-137 1.April 1922 in der Geygerstraße 1.Mai 1922 neben der Schule Rütlistraße 41-42 1.Oktober 1922 an der Wussowstraße in Britz 1.November 1922 in der Saalestraße 1.Januar 1923 in der Donaustraße 88-90 1.April 1923 am Körnerpark Nach dem 2. Weltkrieg enstand 1958 die heutige Gartenarbeitsschule Fritz-Reuter-Allee 121 Vemutlich aufgrund der großen Finanznot der Kommune wurde August Heyn am 01.Mai 1924 mit 45 Jahren in den Ruhestand versetzt. Er leistete daraufhin einen neunmonatigen freiwilligen Militärdienst in Potsdam ab. 1925 zog August Heyn mit seiner Familie nach Reppen, wo er auf seinem eigenen Grundstück Obst- und Spargel anbaute, um ihn zu verkaufen. 1945 wurde sein Grundstück in Reppen aus strategischen Gründen von SS-Einheiten requiriert und er und seine Familie wurden gezwungen, wieder zurück nach Berlin zu ziehen. August Heyn war verheiratet. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor. Der Sohn wurde 1908 und seine Tochter 1904 geboren. Seine Frau starb 1950 in Berlin August Heyn selbst starb 80-jährig am 13.Dezember 1959 in Berlin Ihm zu Ehre wurde am 27.Juni 1995 die letzte noch erhaltene Gartenarbeitsschule im Bezirk in August-Heyn-Gartenarbeitsschule Neukölln umbenannt. |
![]() Eines der letzten Fotos von August Heyn. Es entstand 1959 |